Fühlt sich von der Krise am Agieren gehindert: Achim Rothenbühler | C: Markus Schmidt für imSalon

Achim Rothenbühler: Aktuelle Löhne lassen die Branche nicht wettbewerbsfähig bleiben

Endzeitstimmung – wichtig ist der Blick nach vorn: Preise, Löhne und Rendite nach oben und ein neuer Interessensverband für alle…

Im Interview mit Katja Ottiger

Achim, wie geht es dir?
Achim Rothenbühler:
  (lacht:) Ach, weißt du, man hat ja nur noch Mindestansprüche! Nach dem langem Chaca-chaca ist bei mir auch langsam Schicht im Schacht. Dieser ganze Mist macht müde – privat wie geschäftlich. Ich kritisiere ja nicht die Corona-Maßnahmen an sich, aber was die da oben so rumwurschteln, macht fassungslos.

„Über Corona mag ich nicht mehr reden.“

Wie läuft es denn?
AR:
 Sagen wir mal so: Wir haben ein verhaltenes Terminbuch. Erst hatten wir das Problem mit Kunden, die ausblieben, weil sie im Homeoffice saßen, jetzt mit dem Testen. Mittlerweile kommen selbst Topkunden in unglaublichen Zuständen daher. Die gehen ja auch nirgends mehr hin, maximal auf den Golfplatz und dafür reicht denen die Mütze. Aber eigentlich mag ich über Corona nicht mehr reden.

Ok, worüber magst du reden? Über Haare?
AR:
 Mich kannst du derzeit mit Haaren nicht hinterm Ofen vorlocken. Ich habe keinen Kopf für Haare – damit meine ich nicht meine Kunden, sondern ganz allgemein. Ich bin im Moment nur Unternehmer und weniger Friseur.

„Die Krise gibt vor zu reagieren, hindert mich am Agieren.“

Obwohl du Aushängeschild für Trendschulungen bist!?
AR:
 Im letzten September habe ich mich umprogrammiert. Die Krise gibt mir ständig vor zu reagieren, aber hindert mich am Agieren, das macht mich kaputt. Da kannst du Ideen haben, wie du willst! Deshalb bin ich mit dem Kopf woanders und hinterfrage, wie ich meinen Salon für das Danach aufbaue. Mit neuen Schulungen, neuen Ideen und der großen Frage, die ich immer wieder auch mit Kollegen durchdenke: Wo muss sich die Branche hinbewegen?

„Unsere Branche muss weg vom Ego und persönlichen Befindlichkeiten.“

Eine Antwort?
AR:
 Die Krise zeigt uns auf, dass die alten Strukturen mit Zentralverband und Innungen nicht greifen.
Warum schaffen wir nicht einen Interessensverband, bei dem die großen Industriepartner, starke Friseurunternehmer und Verbände, wie z.B. die ICD, sich zusammensetzen und gemeinsam die Branchenkrise managen? Mit der Frage: Was können wir gemeinsam tun? Die Großen der Industrie haben andere Möglichkeiten. Unsere Branche muss weg vom Ego und von persönlichen Befindlichkeiten. Ist doch egal, wer bei welchem Verein spielt, es geht darum, in einer Sprache zu sprechen. Und nicht in einem Durcheinander, sondern in einer Strategie mit 3 Schwerpunkten.

Welche 3 Punkte wären auf das?
AR:
 Erstens, an der 7 Prozent Mehrwertsteuer dranzubleiben! Zweitens an der gerechten Auszahlung der Hilfen! Ich habe seit Dezember noch kein Geld bekommen! Aufgrund meiner Größenordnung und meines komplizierten Konstruktes mit Partnerschaften und Franchise unterliege ich „einer gesonderten Prüfung“. Fakt ist, ich bin Friseurunternehmer und habe Friseurläden. Aber seit 16.12 lassen die mich sitzen, ohne Unternehmerlohn!
Mein Ärger wird immer politischer und ist in Social Media leider oft auch Zündstoff für die falschen Leute, die ich nicht ansprechen möchte.

„Preise müssen angehoben werden!“

Und Punkt 3?
AR: Wir haben ein Rendite-Problem und alle zu wenige Rücklagen. Wir müssen unsere Schulden wie z.B. KFW Kredite tilgen. Um unseren persönlichen Lebensstandard und den unserer Läden auch in Zukunft halten zu können, müssen die Preise angehoben werden. Der Mindestlohn steigt in den nächsten Jahren weiter, da steigen automatisch alle Löhne, auch die bei uns, die über dem Mindestlohn liegen.

„Mit unseren jetzigen Löhnen werden wir nicht wettbewerbsfähig bleiben.“

Preiserhöhung für alle – was schwebt dir vor?
AR:
 Die Preise um 20 Prozent anzuheben und davon 10 Prozent für die Unternehmen hernehmen, z.B. für neue Ausbildungsstrukturen und 10 Prozent für bessere Löhne. Das ist mal meine Idee für den Start. Mit unseren jetzigen Löhnen werden wir nicht wettbewerbsfähig bleiben. Der Druck, gute Mitarbeiter zu bekommen, wird immer höher. Denn unsere Mitbewerber sind nicht die anderen Salons, das sind die anderen Branchen.

Und der richtige Zeitpunkt ist jetzt?
AR:
 Derzeit schweben wir auf der „Aufmerksamkeitswelle“, die Menschen haben uns in den letzten Monaten anders wahrgenommen. Darauf sollten wir weiter surfen und unser Sprachrohr gemeinsam in eine Richtung setzen. Die richtige Preisgestaltung wird eines der ganz elementaren Dinge sein. Unterm Strich haben wir doch alle die gleiche Kalkulation, egal ob hochpreisig oder nicht.

„Wir dürfen uns nicht an 10 Euro-Salons messen.“

Ein guter Friseur kann seine Arbeitsleistung aber nur bedingt verbessern bzw. steigern…
AR:
 Genau das ist der Punkt! Wir können nicht zaubern oder neue Namen für neue Dienstleistungen erfinden. Wir haben in den letzten Jahren einfach versemmelt, unsere Rendite zu erhöhen. Das, was ein guter Friseur leistet, ist einfach zu schlecht bezahlt. Wir können das Rad nicht neu erfinden: Aber wir müssen jetzt kompensieren, dass wir nicht einmal die Teuerungsrate an den Konsumenten weitergegeben haben. Immer hieß es: Der Kunde ist sensibel! Wir dürfen uns nicht an den Discountern oder 10 Euro Salons messen. Die haben eine bestimmte Kundschaft und ihre Berechtigung.

Nochmal kurz zum „C“-Wort: Corona – was kommt danach und wann wird das sein?
AR:
 Dieses Corona wird im Laufe dieses Jahres abgeschwächt werden und im September, wenn wir eine Durchimpfungsrate von 70 Prozent haben, wird nach und nach wieder alles normal laufen, sofern nicht die nächste Mutante um die Ecke kommt. Im Herbst sehe ich die große Aufbruchstimmung, da haben alle Urlaub gehabt und die Batterien aufgeladen. Und mit dieser Energie können wir dann schauen, wie wir das Geschäft ankurbeln, mit neuen Kollektionen, Produkten, Dienstleistungen – alles auch schon in Richtung Weihnachtsgeschäft.

Das wären jetzt mal meine Punkte, ich bin dankbar für jeden, der andere Ideen hat!