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Mentalcoach Susanne Drexel | Credit: privat

07.05.2026

„Betriebliche Gesundheits-Programme im Salon sind kein Luxus“

„Ich habe alles gegeben – bis nichts mehr ging“ - war der Weckruf aus der FriseurunternehmerInnen-Praxis für Susanne Drexel. Als Mental Coach erklärt sie weshalb Gesundheitsprogramme im Betrieb die einzige Antwort auf Fachkräftemangel, Ausfälle und stille Kündigungen sind.

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Beitrag von Susanne Drexel  |  Mentalcoach · Fachkraft für Stressmanagement IHK · ehemalige Friseurunternehmerin

„Ich habe alles gegeben – bis nichts mehr ging.“

Diesen Satz habe ich nicht in einem Burnout-Buch gelesen. Ich habe ihn selbst gelebt. Jahrelang habe ich als Friseurunternehmerin meinen Salon geführt – mit Leidenschaft, mit Ehrgeiz, mit dem tiefen Glauben, dass man im Handwerk einfach funktionieren muss.

Bis mein Körper nicht mehr mitspielte: Burnout. Bandscheibenvorfall. Herzinfarkt.

Ich musste meinen Beruf aufgeben. Nicht weil ich nicht mehr wollte – sondern weil nichts mehr ging. Heute weiß ich: Es war kein persönliches Versagen. Es war das Ergebnis eines Systems, das Durchhalten priorisiert und Prävention ignoriert. Und dieses System sitzt nach wie vor mitten in unseren Salons.

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+84 %

mehr Burnout-Fehltag seit 2014
AOK Fehlzeiten-Report 2024

-60 %

Auszubildende im Friseurhandwerk 2010 -> 2024
Bundesagentur für Arbeit

1 von 5

aller Fehlzeiten durch Muskel-Skelett-Erkrankungen
Springer Medizin

35.541

Mitarbeiter verlor die Branche während Corona
Friseur-News

Der Salon-Alltag: Eine Belastungsspirale mit System

Wer im Friseurhandwerk arbeitet, kennt den Tag: Der erste Kundenbesuch wartet, noch bevor der Mantel ausgezogen ist. Termine folgen nahtlos aufeinander. Pause? Vielleicht. Mittag? Irgendwann. Am Ende des Tages sind die Beine schwer, der Rücken schmerzt, und man ist so erschöpft, dass man kaum noch sprechen möchte.

Das ist kein Einzelschicksal. Das ist Branchenrealität.

Dreifacher Dauerstress im Friseurhandwerk

Körperlicher Stress

Stundenlang stehen, Arme angehoben, Halswirbelsäule nach vorne verlagert – jede Bewegung wiederholt sich hundertfach. Schultern, Nacken, Rücken, Handgelenke tragen die Last.

Eine Prävalenzstudie belegt: bei der täglichen Arbeit entstehen systematisch ungünstige Gelenkwinkelstellungen, die langfristig zu Muskel-Skelett-Erkrankungen führen.

Emotionaler Stress

Friseurinnen und Friseure sind Fachleute, gleichzeitig Vertrauenspersonen, Zuhörende, Seelentröstende. Kundengespräche sind emotional anspruchsvoll. Die eigene Energie wird dabei selten aufgefüllt. Am Ende des Tages haben viele nicht nur handwerklich gearbeitet, sondern auch emotional geleistet – ohne das zu benennen oder zu kompensieren.

Organisatorischer Stress

Zeitdruck, Terminengpässe, kranke Kolleginnen und Kollegen, deren Kapazität auf andere verteilt werden muss – in kleinen Salons trägt das gesamte Team jeden Ausfall mit. Dazu kommen Dauerlärm durch Föhne und Schneidemaschinen (ein wissenschaftlich belegtes Gesundheitsrisiko) sowie chemische Belastungen durch Farben und Pflegemittel.

Was die Zahlen sagen – und was sie verschweigen

Die Datenlage ist eindeutig. Und sie sollte uns aufwecken.

Laut dem AOK-Fehlzeiten-Report 2024 sind die Burnout bedingten Fehltage seit 2014 um fast 84 Prozent gestiegen – von 100 auf knapp 184 Ausfalltage je 100 Beschäftigte. Deutschlandweit sind rund 216.000 Menschen mit über 5 Millionen Fehltagen jährlich wegen Burnout krankgeschrieben. Seit 2014 haben psychische Erkrankungen insgesamt um knapp 47 Prozent zugenommen.

Im Friseurhandwerk selbst zeigt eine Prävalenzstudie (Springer Medizin): Ein Fünftel aller Fehlzeiten geht auf Muskel-Skelett-Erkrankungen zurück – ausgelöst durch genau jene ungünstigen Körperhaltungen, die zum Berufsalltag gehören. Schneiden, Föhnen, Waschen: Arme über Schulterhöhe, Nacken nach vorne verlagert, Rücken verdreht – Stunde für Stunde, Jahr für Jahr.

Und dann ist da noch die Nachwuchskrise: 2010 gab es noch über 34.700 Auszubildende im Friseurhandwerk. 2023 waren es noch knapp 13.500 – ein Rückgang um über 60 Prozent. Allein die Corona-Pandemie kostete die Branche 35.541 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Statistik: Krankenstände im Friseurhandwerk Deutschland 2025

Viele von ihnen kommen nicht zurück. Nicht weil der Beruf sie nicht mehr interessiert. Sondern weil die Bedingungen sie zermürbt haben.

Eine Bertelsmann-Studie (2025) bestätigt den Mechanismus: In Engpassberufen wie dem Handwerk verlassen Beschäftigte häufiger ihren Job als in anderen Bereichen, getrieben von schlechten Arbeitsbedingungen und fehlendem Rückhalt. Von 2022 bis 2023 verließen rund 191.000 Personen Engpassberufe zugunsten anderer Tätigkeiten. Wer geht, kommt in der Regel nicht zurück, mehr als ein Drittel wechselt die Branche dabei vollständig.

Statistik: Vorzeitige Vertragslösungen nach Ausbildungsjahr, Deutschland

Die innere Kündigung: Die teuerste Form des Bleibens

Nicht alle, die innerlich aufgehört haben, gehen sofort. Viele bleiben – aber nur noch körperlich.

Die sogenannte innere Kündigung ist in unserer Branche weit verbreitet: Die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter erscheint, macht den Job – aber ohne Herz, ohne Ideen, ohne Initiative. Das Lächeln sitzt, aber es meint nichts mehr. Die Leidenschaft, die einmal den Beruf ausmachte, ist erloschen.

Für Kundinnen und Kunden ist das spürbar. Für das Team auch. Für Unternehmerinnen und Unternehmer, die den Betrieb tragen, ist es zermürbend, denn Energie lässt sich nicht erzwingen.

Der AOK-Fehlzeiten-Report 2024 hat dazu etwas Bemerkenswertes festgestellt: Beschäftigte mit höherer emotionaler Bindung an ihren Arbeitgeber sind nicht nur zufriedener und produktiver – sie haben auch deutlich weniger Fehlzeiten und zeigen eine signifikant geringere Wechselabsicht.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer in Gesundheit, Wertschätzung und Stärkung investiert, behält sein Team. Wer es nicht tut, verliert es. Früher oder später.

Es fängt an, bei den UnternehmerInnen selbst

Ich spreche das Thema an, nicht als Expertin von außen, sondern als jemand, die das durchlebt hat und weiß, wie oft es verdrängt wird.

Die Saloninhaberin oder der Saloninhaber sind die Letzten, die gehen und die Ersten, die kommen. Sie fangen auf, was andere fallen lassen. Sie motivieren, organisieren, halten den Betrieb am Laufen – oft auf Kosten der eigenen Gesundheit.

Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich kenne das Gefühl, morgens aufzustehen und innerlich schon erschöpft zu sein, bevor der erste Termin beginnt. Ich kenne das „es geht schon noch“ – bis es nicht mehr geht.

Was ich damals nicht wusste: Der Weg von chronischem Stress zu Burnout, Bandscheibenvorfall oder schlimmer – zu einem Herzinfarkt – verläuft schleichend. Er gibt Zeichen. Kleine Warnsignale, die im Berufsalltag geflissentlich übersehen werden, weil keine Zeit ist, auf sich zu hören.

Was steht auf dem Spiel, wenn Sie nicht handeln?

  • Langzeitkrankenstand – der eigene oder der der Mitarbeitenden
  • Qualitätsverlust, weil erschöpfte Teams keine Höchstleistung erbringen
  • Fluktuation – denn engagierte Menschen gehen zuerst
  • Der Verlust der Freude an dem, was aufgebaut wurde
  • Im schlimmsten Fall: der Verlust der Selbstständigkeit

Das ist kein Worst-Case-Szenario. Das ist die Realität vieler Saloninhaberinnen und Saloninhaber in unserer Branche. Sie trifft immer dann ein, wenn zu lange gewartet wurde.

Lösung: Ein betriebliches Gesundheitsprogramm

Betriebliche Gesundheitsförderung klingt nach großen Konzernen mit Personalabteilungen und Wellnessräumen. Das stimmt nicht. Wirkungsvolle Prävention beginnt im Kleinen – und lässt sich in jeden Salontag integrieren. Es ist mehr eine Frage der Struktur und Wahrnehmung als eine des Geldes und der Zeit.

  1. Echte Pausen einplanen – strukturell, nicht zufällig
    Nicht „wenn Zeit ist“, sondern als fester Bestandteil der Tagesstruktur. Schon 5 bis10 Minuten bewusste Auszeit senken den Cortisolspiegel messbar und erhöhen die Konzentration für den Rest des Tages.

  2. Team-Check-ins einführen

    Ein kurzes tägliches oder wöchentliches Format – 5 Minuten reichen – bei dem das Team kurz eincheckt: Wie geht es mir heute? Was brauche ich? Das stärkt Vertrauen, erkennt Frühwarnsignale und schafft eine Kultur, in der man füreinander sieht.

  3. Körper-Routinen in den Arbeitsalltag integrieren

    Gezielte 3-Minuten-Übungen für Schultern, Nacken und Rücken zwischen den Terminen. Einfach, ohne Equipment, sofort umsetzbar – und sie machen einen messbaren Unterschied am Ende des Tages.

  4. Stresssignale früh erkennen – bei sich und im Team

    Emotionale Erschöpfung, Reizbarkeit, Rückzug, sinkende Sorgfalt – das sind keine Charakterschwächen. Das sind Warnsignale. Wer sie kennt, kann rechtzeitig reagieren, bevor aus Stress ein Ausfall wird.

  5. Wertschätzung als Führungsinstrument

    Anerkennung kostet nichts und ist laut Forschung einer der stärksten Faktoren für Mitarbeiterbindung. Ein ehrliches „Danke, das war heute großartig“ hat mehr Wirkung als jeder Bonus. Die Wissenschaft belegt: emotionale Bindung schützt vor Fehlzeiten (AOK/WIdO 2024).

  6. Kommunikation im Team stärken

    Stress eskaliert dort, wo Konflikte unausgesprochen bleiben. Klare, respektvolle Kommunikationsstrukturen schützen das Klima – und verhindern, dass gute Teammitglieder sich lautlos verabschieden.

  7. Als Unternehmerin oder Unternehmer sich selbst nicht vergessen

    Ein Team kann nur getragen werden, solange man selbst stehen kann. Wer dauerhaft mehr gibt als zurückkommt, läuft auf Reserve. Und Reserven sind endlich. Die eigenen Ressourcen zu schützen ist keine Schwäche – es ist unternehmerische Verantwortung.

Freude am Beruf ist kein Zufall – sie ist eine Entscheidung

Ich begegne immer wieder Saloninhaberinnen und Saloninhabern, Friseurinnen und Friseuren, die ihren Beruf noch immer lieben. Die Freude am Handwerk, am Gestalten, am echten Kontakt mit Menschen – das ist ein Schatz, den diese Branche hat.

Aber diese Freude überlebt keine Dauerbelastung ohne Gegengewicht. Sie braucht Strukturen, die sie schützen.

Salons, die früh in die mentale und körperliche Gesundheit ihrer Teams investieren, haben weniger Ausfälle, weniger Fluktuation, ein besseres Klima – und bleiben für Nachwuchskräfte attraktiv.

Das ist kein Wohlfühlprogramm, das ist Betriebswirtschaft.

Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand das rechtzeitig gesagt hätte. Deshalb setze ich mich heute dafür ein, dass sich in den Salons strukturell etwas ändern kann – heute, nicht irgendwann.

Susanne Drexel

Über Susanne Drexel

Susanne Drexel ist Mentalcoach, Achtsamkeitslehrerin nach Maren Schneider und Fachkraft für Stressmanagement (IHK). Sie arbeitet mit Methoden der positiven Psychologie nach Dr. Seligman. Als ehemalige Friseurunternehmerin hat sie selbst erlebt, was passiert, wenn ein System keine Prävention kennt. Heute begleitet sie Salonteams und Betriebsinhaber auf dem Weg zu mehr mentaler Stärke, Resilienz und echter Freude am Beruf.

Kontakt

Trainer-Speaker-Coach Susanne Drexel
info@susannedrexel.de

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