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Credit: Andrea Sojka

09.06.2026

„Es geht nicht darum, eine schöne Haarfarbe zu machen, sondern die richtige!"

Farbberatung boomt, jedoch in der Friseur-Ausbildung kommt das Thema zu kurz. Color-Expertin Bettina Kohlweiss erklärt, warum eine schöne Haarfarbe nicht immer ausreicht und weshalb KI keine professionelle Beratung ersetzt.

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imSalon Redakteurin Juliane Krammer im Interview mit Farb- & Stilberaterin Bettina Kohlweiss

imSalon: Farbberatung ist durch Social Media wieder stark im Gespräch. Ist das nur ein Hype oder bleibt das Thema?
Bettina Kohlweiss:
Ich bin davon überzeugt, dass es bleibt. Die Ursprünge der Farbberatung liegen in Amerika. In den 80er-Jahren wurde sie großflächig bekannt und zeitversetzt kam das Thema nach Europa. Durch Social Media bekommt es jetzt noch einmal einen enormen Push.

Warum ist das Thema heute wieder so präsent und vor allem relevant für FriseurInnen?
BK:
Menschen legen heute viel mehr Wert auf Individualität in allen Lebensbereichen. Dazu gehört auch das Erscheinungsbild, der persönliche Stil und natürlich die Frage: Welche Farben passen wirklich zu mir? Bei Haarfarben ist das genauso entscheidend. Sie sind direkt am Gesicht. Wenn wir einen Menschen wahrnehmen, sehen wir zuerst das Gesicht und die äußeren Begrenzungen, also Kopf, Frisur, Gesamtsilhouette. Deshalb ist die Frisur essenziell. Sie ist der Schlüssel für die gesamte Erscheinung.

Früher sprach man oft von vier Farbtypen. Heute gibt es aber viel mehr. Warum ist das komplexer geworden?
BK:
Die vier Farbtypen waren lange die Basis. Aber irgendwann hat man erkannt: So einfach ist es nicht. Aus dieser Grundtheorie haben sich unterschiedliche Systeme mit bis zu 24 Typen entwickelt. Die Logik dieser Theorien ist ähnlich, aber die Nuancen unterscheiden sich stärker.

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Die vier Farbtypen waren lange die Basis. Aber irgendwann hat man erkannt: So einfach ist es nicht.

Mit welchem System arbeitest du?
BK:
Ich arbeite mit einem Zehn-Typen-System. Das basiert auf den vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter, berücksichtigt aber auch Mischtypen. Und die gibt es in der Praxis sehr häufig. Manche Menschen liegen zwischen Sommer und Winter, andere zwischen Frühling und Herbst. Dann gibt es Typen, bei denen weniger die Frage kühl oder warm entscheidend ist, sondern ob sie helle oder dunkle Farben brauchen. Genau diese Feinheiten machen den Unterschied.

Warum ist dieses Wissen in der Friseurbranche noch nicht stärker angekommen?
BK:
Es fehlt in der Ausbildung! Viele FriseurInnen kennen vor allem kühl und warm. Manche haben auch schon von den vier Farbtypen gehört, aber sie könnten es nicht wirklich anwenden.

Also braucht es mehr Weiterbildung?
BK: Ja. Es braucht eine Vertiefung für FriseurInnen: Welche Farbtypen gibt es? Wen habe ich vor mir? Welche Haarfarbe passt wirklich zu dieser Person? Gute Technik ist das eine - man kann Haare wunderbar färben und schneiden. Aber es geht um das Gesamtbild. Passt die Haarfarbe zur Haut, zu den Augen, zur Persönlichkeit? Ist Harmonie in der gesamten Erscheinung vorhanden?

Passt die Haarfarbe zur Haut, zu den Augen, zur Persönlichkeit?

Manche FriseurInnen bestimmen mit KI Farbtypen. Was hältst du davon?
BK:
Ich wäre sehr vorsichtig. KI kann man als Inspirationsquelle nutzen. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen und schon gar nicht eine Analyse direkt übernehmen.

Warum nicht?
BK:
Weil zu viele Faktoren eine Rolle spielen. Wie wurde das Foto gemacht? Ist die Person geschminkt? Welche Kleidung trägt sie? Welche Lichtverhältnisse gibt es? Farben reflektieren auf die Haut und verändern die Wirkung. Wenn jemand eine falsche Farbe trägt, können Rötungen, Schatten oder Fältchen stärker sichtbar werden. Eine professionelle Analyse passiert nicht nur über ein Foto. Ich arbeite mit Tüchern, sehe die Person vor dem Spiegel und teste, wie Farben tatsächlich wirken.

Worauf achtest du bei einer Analyse?
BK:
Die Haut ist ganz wichtig und die Naturhaarfarbe, sofern sie noch sichtbar ist. Wenn nicht, schaue ich stärker auf Augenfarbe, Augenstruktur, Kontraste und Pigmentierung. Auch die Lippenpigmentierung spielt eine Rolle. Man kann viel aus einem Gesicht lesen, aber ich würde nie einfach sagen: Du bist dieser Typ - ohne es sauber zu testen.

Viele orientieren sich an Gold- oder Silberschmuck. Reicht das als Hinweis?
BK:
Nicht wirklich. Schmuck macht oft nur einen kleinen Teil der sichtbaren Farbe aus. Ob jemand einen kleinen Ring oder eine Kette trägt, ist etwas anderes, als ob jemand ein goldenes oder silbernes Kleid trägt. Bei großen Farbflächen ist die Wirkung viel stärker. Schmuck kann ein Hinweis sein, aber keine vollständige Analyse ersetzen.

Du hast bereits Friseurunternehmen geschult. Wie läuft so eine Weiterbildung ab?
BK:
 Ich wurde schon mehrfach von Friseurunternehmen gebucht, meistens von größeren Betrieben mit mehreren Filialen. Wichtig ist, das vorhandene Wissen abzuholen und zu schärfen. Viele kennen kühl und warm, manche die vier Grundtypen. Dann gehen wir tiefer: Wie unterscheiden sich Haut, Augen, Haare? Wie wirkt Kontrast? Welche Naturhaarfarbe hat jemand? Welche Haarfarben passen zu gedeckten, hellen, dunklen oder klaren Farbtypen?

Geht es dabei nur um Haarfarbe?
BK:
Nein. Viele FriseurInnen sind auch VisagistInnen. PrivatkundInnen geht es darum, dass sie im Alltag schnell gut aussehen, ohne großen Aufwand. Dann ist es wichtig zu wissen: Welches Rouge passt? Welche Lippenstiftfarbe? Welche Lidschattenfarbe? Welcher Nagellack?

Was wäre dein Wunsch für die Branche?
BK:
Dass Farbberatung als wertvolle Ergänzung verstanden wird. FriseurInnen haben ein enormes technisches Können. Wenn dazu noch ein tieferes Verständnis für Farbtypen und Gesamtwirkung kommt, entsteht ein echter Mehrwert für die Positionierung und KundInnen. Dann geht es nicht nur darum, eine schöne Haarfarbe zu machen, sondern die richtige.

Vielen Dank für das sehr spannende Gespräch!

Über Bettina Kohlweiss

Bettina Kohlweiss ist Farb-, Stil- und Imageberaterin, Trainerin und Coach aus Wien und österreichweit tätig. Neben der individuellen Beratung von PrivatkundInnen unterstützt sie Unternehmen, Weiterbildungsinstitute mit Trainings und Workshops rund um professionelles Auftreten, Farb- und Stilkompetenz sowie persönliche Wirkung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auch auf Aus- und Weiterbildungen im Bereich Farb- und Stilberatung auch für FriseurInnen/VisagistInnen. 

www.bettinakohlweiss.at

@bettina_kohlweiss

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