Du hast entschieden, mit der Lehrlingsausbildung vorerst aufzuhören. Wie kam es dazu?
Kirsten Kunze: Das Thema hat mich in den vergangenen Jahren sehr an meine Grenzen gebracht. Vielleicht kommt es wieder, aber aktuell brauche ich eine Pause. Ich möchte die Ausbildung nicht grundsätzlich schlechtreden. Wir haben viel investiert, auch in unsere Academy. Aber in dieser Größe und unter diesen Rahmenbedingungen kann ich es im Moment nicht mehr tragen.
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Kirsten Kunze ist Friseurunternehmerin mit Salons in Wien und Tulln und bildet seit vielen Jahren aus | Credit: Moni Fellner
„Wir brauchen endlich weniger Gegeneinander“
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Unter diesen Rahmenbedingungen kann ich Moment nicht mehr ausbilden.
Liegt das eher an den Jugendlichen oder an den Rahmenbedingungen?
KK: Mittlerweile würde ich sagen: an allem. Viele junge Menschen bringen heute sehr viele persönliche Themen, Diagnosen, Unsicherheiten mit. Nach vielen Jahren ist mein Fazit: Es bleibt zu wenig über im Verhältnis zu dem, was der Betrieb, das Team und ich emotional und organisatorisch hineinlegen müssen.
Was belastet dich daran am meisten?
KK: Es ist dieses Gefühl, als Arbeitgeberin und Ausbilderin ständig die Gegenseite zu sein. Man ist gefühlt der Gegner von Behörden, von Eltern, manchmal auch von den Lehrlingen selbst. Gleichzeitig trägt man die Verantwortung, zahlt, organisiert, kontrolliert, dokumentiert und soll immer noch mehr leisten. Wenn dann ein Konflikt entsteht, habe ich oft den Eindruck, dass zuerst der Betrieb in der Pflicht steht, kaum jemand fragt, wie es UnternehmerInnen damit geht.
Wenn ein Konflikt entsteht, steht zuerst der Betrieb in der Pflicht, kaum jemand fragt, wie es UnternehmerInnen damit geht.
Du hast im Gespräch ein Beispiel mit der Arbeiterkammer erwähnt. Was ist da passiert?
KK: Ein Lehrling war nur sehr kurz bei uns und danach wurde ein Fall eröffnet, weil es unter anderem um wenige Minuten Arbeitszeit ging. Ich hatte die Unterlagen bereits verschickt, trotzdem kam ein sehr formeller Brief mit Androhungen, falls rechtliche Pflichten nicht erfüllt werden. Solche Situationen treffen einen, weil man ohnehin schon versucht, alles korrekt zu machen. Ich wollte wissen, wie ich so einen Fall künftig verhindern kann, aber ich bekam keine konkrete Antwort. Genau diese Unsicherheit macht es so schwer.
Wie müsste man aus deiner Sicht auf das Ausbildungssystem schauen?
KK: Es braucht eine grundsätzliche Reform. Die Lehrverträge und die Abläufe passen aus meiner Sicht nicht mehr zu dem, was Betriebe heute leisten müssen. Es wird sehr viel auf den Arbeitgeber abgeladen. Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Situation verändert: Früher ging es oft darum, dass Menschen Arbeit suchen und keine finden. Heute haben wir offene Stellen und gleichzeitig Bewerberinnen und Bewerber, die nicht immer wirklich arbeiten wollen. Dieses System muss man ehrlich evaluieren.
Ist das aus deiner Sicht ein Problem speziell im Friseurhandwerk?
KK: Ich glaube nicht. Lehrverträge und viele Strukturen sind ja nicht nur bei Friseuren ein Thema. Natürlich hat unser Handwerk eigene Herausforderungen: Dienstleistung, Kundenkontakt, körperliche Arbeit, lange Ausbildungswege. Aber dass Betriebe mit Bürokratie, Erwartungshaltungen und Konflikten kämpfen, höre ich auch aus vielen Bereichen.
Wir haben als Gesellschaft über Jahrzehnte ein Ungleichgewicht geschaffen.
Gibst du den jungen Menschen die Schuld?
KK: Nein. Damit habe ich auch erst meinen Frieden machen müssen. Diese jungen Menschen können oft gar nichts dafür. Sie wachsen in einem System auf, das ihnen sehr stark vermittelt: Pass auf dich auf, kenne deine Rechte, schütze dich. Das ist im Grundgedanken nicht falsch. Aber wenn daraus nur noch ein Gegeneinander entsteht, wird es schwierig. Ich glaube, wir haben als Gesellschaft über Jahrzehnte ein Ungleichgewicht geschaffen.
Was unterscheidet die Generation heute aus deiner Sicht?
KK: Sie hat ein anderes Anspruchsdenken - an sich selbst, an das Leben und an die Gesellschaft. Das meine ich nicht böse. Die Welt verändert sich, und junge Menschen sind anders erzogen als wir. Ich habe lange versucht, eine Brücke zu bauen zwischen denen, die selbstverständlich eine 40-Stunden-Woche leisten, und einer Generation, die anders auf Arbeit blickt. Aber in der Praxis merke ich: Es funktioniert im Moment bei uns nicht in der Form, wie ich es gerne hätte.
Was macht diese Situation mit deinem Team?
KK: Sie hinterlässt Spuren. Meine Stylistinnen und Stylisten sind fachlich stark und engagiert. Aber Ausbildung bedeutet nicht nur Technik vermitteln. Es bedeutet auch ständiges Reden, Auffangen, Erklären, Dokumentieren, Konflikte lösen. Irgendwann sind auch die besten TrainerInnen erschöpft. Ihnen muss ich jetzt ebenfalls eine Pause gönnen.
Würdest du trotzdem wieder jemanden nehmen, der hochmotiviert ist?
KK: Ja, natürlich. Wenn jemand wirklich kommt und sagt: Ich wollte immer Friseurin oder Friseur werden, ich will lernen, ich will das - dann würde ich mir das selbstverständlich anschauen. Ich möchte nur nicht mehr in der bisherigen Größe ausbilden. Wir haben gute Trainerinnen und Trainer, wir haben Material, wir haben Wissen. Es wäre schade darum. Aber es muss zur Realität im Betrieb passen.
Betriebe müssen ernst genommen werden, wenn sie sagen, dass etwas nicht mehr funktioniert.
Was müsste passieren, damit Lehrausbildung wieder besser funktioniert?
KK: Wir brauchen weniger Gegeneinander und mehr gemeinsame Verantwortung. Betriebe müssen ernst genommen werden, wenn sie sagen, dass etwas nicht mehr funktioniert. Schulen, Beratungsstellen, Kammern, Eltern, Jugendliche und Betriebe müssten viel stärker miteinander reden, statt übereinander. Und es braucht Regeln, die beide Seiten schützen: die Lehrlinge, aber auch die Unternehmen und die Menschen, die ausbilden.
Wie geht es für euch jetzt weiter?
KK: Wir atmen erst einmal durch. Ich sage immer: Wir sind keine Sprinter, wir sind Langstreckenläufer. Man muss auch auf die eigene Gesundheit und die Gesundheit des Teams schauen. Vielleicht sieht die Welt in zwei Jahren wieder anders aus. Im Moment ist es für uns richtig, eine Pause zu machen.
Über Kirsten Kunze:
Kirsten Kunze führt 3 Salons unter eigenem Namen - zwei in Wien und einen in Tulln. Sie beschäftigt derzeit 20 MitarbeiterInnen und bildet (noch) 3 Lehrlinge aus.
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